Reise nach Gamboura

Auf dem Gelände in Gamboura, gut hundert Kilometer von Maroua entfernt, befinden sich eine Kirche, eine Poliklinik, eine Grundschule und mehrere Wohnhäuser. Der Generator machte Probleme, und so wurde Martins technischer Beistand gewünscht. Beim Überlegen, an welchem Tag wir dorthin fahren könnten, schied der Donnerstag aus. Da findet nämlich ein wichtiger Markt auf der Strecke statt. Das bedeutet, dass Ware und Geld transportiert wird. An solchen Tagen ist die Wahrscheinlichkeit höher, dass Wegelagerer Reisende anhalten und ausrauben. Martin und ich machen uns also am Freitag, den 8. Juli, morgens früh, zusammen mit unserem Mitarbeiter Sali, auf den Weg.

Der Weg nach Gamboura
Der Weg nach Gamboura

Das Auto ist beladen mit allerlei Werkzeug und mit Wasser zum Trinken. Wir halten an der Tankstelle und füllen Diesel nach. Die Straßenkinder sind schon unterwegs und grüßen uns freundlich. Schon bald verlassen wir die Stadt. Die Landschaft ist herrlich grün. Überall sieht man Leute bei der Feldarbeit – nein, nicht mit Traktoren, sondern nur mit schlichten Hacken bewaffnet. Lastwagen fangen auf der Landstraße eine Wettfahrt an und überholen an unmöglichen Stellen. Ein „Lanzenritter“ ist auch unterwegs: ein Motorradfahrer, der eine mindestens drei Meter lange Stange auf der Schulter trägt. Statt auf Wildwechsel müssen wir auf Schafe achten, die beliebig die Straße überqueren wollen. An einem Markt halten rechts und links der Straße je ein Bus, und die Fahrer unterhalten sich. Wir müssen zusehen, wie wir zwischen ihnen durchkommen. Nach einer Stunde sind wir fünfzig Kilometer gefahren und verlassen den Asphalt. Ein Bauer nutzt einen Esel für die Feldarbeit. Ein einsamer Polizist hält uns an. Allerdings ist es unüblich, dass ein Polizist allein Kontrollen durchführt. Wir reden mit ihm und erwähnen dabei, wo wir hin wollen, und er lässt uns weiterfahren. In der zweiten Stunde schaffen wir gut dreissig Kilometer Strecke. Der Weg wird immer abenteuerlicher. Bei Abzweigungen wissen wir aus Erfahrung, welche Richtung wir nehmen müssen, Schilder gibt es nicht.

Ankunft in Gamboura
Ankunft in Gamboura

Für die letzten zwanzig Kilometer benötigen wir noch einmal eine Stunde. In den Dörfern rufen uns Kinder fröhlich zu. Die Leute schauen von der Feldarbeit auf und winken und wir freuen uns, als wir endlich in Gamboura sind. Martin bringt den Generator relativ schnell zum Laufen. Dann entdeckt er Stellen, an denen Kabel getrennt worden sind und somit zu Kurzschlüssen führen. Mit Sali und den Mitarbeitern vom Dorf ist er eine ganze Zeit beschäftigt.

Getrennte Kabel
Getrennte Kabel

Ich besuche solange Freunde und bringe ihnen Zucker als Gruß mit. Der Pastor der Gemeinde dort lebt erst seit einem halben Jahr mit seiner Familie hier. Seine Frau berichtet, wie fremd das Klima und die Kultur für sie sind. Ihre Kinder würden lieber wieder in der Stadt wohnen.

Der Pastor mit seiner Frau
Der Pastor mit seiner Frau

Zu 13 Uhr packen wir das Essen aus, welches wir vorbereitet hatten. Die Mitarbeiter haben noch Fleisch und Krapfen auf dem Markt gekauft und so sitzen wir in fröhlicher Runde mit dem Pastorenehepaar. Wir genießen das Essen und haben viel zu erzählen und zu lachen. Meine Fünf-Liter-Kanister für Wasser lasse ich der Pastorsfrau. Sie freut sich, weil sie damit sauberes Wasser zur Feldarbeit mitnehmen kann.

Eine Wasserstelle
Eine Wasserstelle

Kurz nach 15 Uhr brechen wir auf, nachdem wir noch Erdnüsse und Soja geschenkt bekommen haben. Vor Einbruch der Dunkelheit sind wir wieder in Maroua. Nach dem Tag in der Natur wird uns die Umweltverschmutzung in der Stadt besonders stark bewusst, denn die Luft ist voller Abgase und Rauch.

Christel

Zurück im Smog von Maroua
Zurück im Smog von Maroua

Klempnerarbeiten in Dagai

Die Missionsstation in Dagai besteht nun schon seit vielen Jahren. In dieser Zeit haben Missionare und einheimische Mitarbeiter dort eine Gemeinde, eine medizinische Arbeit, eine Grundschule und ein landwirtschaftliches Projekt aufgebaut.

Es gibt eine Reihe von Wohnhäusern, die Gebäude der Klinik, Klassenräume, Wohnungen für Lehrer, die Kirche, ein Wohnhaus für den Pastor, Werkstatt und Lagerräume, zwei direkt nebeneinander stehende Wassertürme und einen Tiefbrunnen. Der elektrische Strom kommt von einem kleinen Generator, einem Ein-Zylinder-Motor von Hatz. Wenn der Motor läuft, befördert eine elektrische Pumpe im Tiefbrunnen Wasser in die beiden Wassertürme.

Zwei Wassertürme aus Beton stehen Seite an Seite.
Die beiden Wassertürme in Dagai.

Früher war es nicht so wichtig, zu wissen, wer nun genau wie viel Wasser verbraucht hat. Die Mission unterstützte die „Station Dagai“ insgesamt. Das spiegelt sich auch in der Infrastruktur wider: Die Wassertürme sind in Kammern unterteilt. Abends wurde der Generator gestartet, um für etwa vier Stunden Strom für die Beleuchtung der Häuser zu liefern, und die Kammern in den Wassertürmen aufzufüllen. Eine Kammer war für die medizinische Arbeit reserviert, eine andere für den Pastor, eine für die Schule, und eine für die Wohnhäuser der Missionare.

Ein kleiner Generator auf einem fahrbaren Rohrgestell.
Der Hatz-Generator der Station Dagai.

Inzwischen sind die verschiedenen Arbeitsbereiche jedoch organisatorisch und finanziell eigenständig. Auch wenn die Arbeit teilweise immer noch von aussen unterstützt wird, so laufen Gemeinde, medizinische Arbeit, Schule und landwirtschaftliches Projekt mit getrennten Kassen, und unter der Leitung von unterschiedlichen Gremien oder Personen. So sind nun die Kliniken von verschiedenen Orten unter einer gemeinsamen Leitung zusammengefasst, und auch die Schulen haben ihre eigene Struktur.

Ideal wäre es, wenn der Unterhalt und die Kraftstoffkosten für den Generator anteilig von den verschiedenen Nutzern getragen würden. Grundlage für die Berechnung ist der Wasserverbrauch. So haben wir vor einigen Jahren Wasseruhren in die verschiedenen Leitungen eingebaut, um den Verbrauch zu ermitteln.

Das Generatorhaus, es gibt auch eine Grube für Reparaturen an Fahrzeugen.
Das Generatorhaus, es gibt auch eine Grube für Reparaturen an Fahrzeugen.

Ob der Verbrauch dadurch zurückgegangen ist? Jedenfalls braucht der Generator nun nicht mehr täglich zu laufen. Dazu beigetragen hat auch die Entscheidung, nicht mehr jeden Abend für elektrische Beleuchtung zu sorgen. Der Generator wird nur noch zum Füllen der Wassertürme und zur Sterilisierung der Instrumente in der Klinik genutzt.

In dieser neuen Situation störten die Kammern in den Wassertürmen. War die ihm zugeordnete Kammer leer, bekam einer der Arbeitsbereiche kein Wasser mehr, auch wenn in anderen Kammern noch ausreichend Vorrat war. Wir haben daher entschieden, die Wassertürme umzubauen. Die Zwischenwände sollten durchbohrt werden, und beide Wassertürme zu einer einzigen Reserve zusammengefasst werden. Gleichzeitig wollte ich die Wasseruhren direkt an den Beginn der Leitungen bei den Wassertürmen einbauen. Denn so wird jeder Arbeitsbereich auf dem Gelände für seine eigene Leitung verantwortlich: Lecks in den Leitungen werden gleich mitgezählt, die dadurch entstehenden Kosten geben den Anreiz, die Reparatur nicht so lange hinauszuzögern.
Wir fuhren an einem Tag nach Dagai, um uns alles anzusehen, und aufzulisten, was wir alles brauchen würden. Wir sprachen mit Raymond einen Termin ab, an welchem wir die Arbeiten durchführen wollten. Die Türme sollten dann leer sein, weil wir die Leitungen abbauen wollten. Es gab zwar Absperrhähne, aber diese mussten ebenfalls ersetzt werden. Wir einigten uns auf einen Samstag, da wir dann zu dritt nach Dagai fahren konnten. Wir wollten die Arbeit gerne an einem einzigen Tag wenigstens so weit zum Abschluss bringen, dass die Wasserversorgung wieder hergestellt war.

Kofferraum, beladen mit Werkzeug, Generator und Arbeitsmaterial.
vorbereitetes Werkzeug, Generator und Arbeitsmaterial.

Am Dienstag bekam ich Nachricht aus Dagai, dass sich der Generator nicht mehr starten liesse. Ich hatte keine Zeit, zwischendurch noch einmal dorthin zu fahren. In Maroua baute unser Mitarbeiter Sali unterdessen schon einen Wasserverteiler zusammen, an den dann die Wasseruhren angeschlossen werden sollten.

Am Freitag Nachmittag beluden wir das Fahrzeug. Auf das Dach packten wir drei unterschiedlich lange Leitern, sowie einige Rohre und den vormontierten Verteiler. In den Kofferraum kam das Werkzeug, die Wasseruhren, allerlei anderes Material, Bohrmaschinen, Verlängerungskabel, ein kleiner Generator und der Schraubstock für Rohrarbeiten. Am nächsten Morgen kam noch ein guter Vorrat an Trinkwasser hinzu.

Landcruiser mit Leitern auf dem Dachgepäckträger
Das beladene Auto vor der Abfahrt.

Wir fuhren gegen sieben Uhr in Maroua ab: Sali, unser Fahrer Timothée und ich. Die Fahrt nach Dagai dauert etwa 90 Minuten. Die Strasse war in gutem Zustand, wegen der Leitern auf dem Dach fuhren wir aber etwas langsamer als sonst.

Wegnehmen von Betonplatten.
Sali öffnet die Abdeckungen eines der Wassertürme.

In Dagai angekommen, begrüssten wir Raymond und Jacob, die dortigen Mitarbeiter, und machten uns unverzüglich an die Arbeit. Wir lehnten die Leitern an und packten das mitgebrachte Werkzeug aus. Als wir die Wassertanks oben auf den Türmen öffneten, fanden wir innen bereits alles staubtrocken. Auch in den Rohren fanden wir kein Wasser mehr.

Metalltisch mit verschiedenen Werkzeugen.
Ein Teil des benutzten Werkzeugs.

Während die anderen die alten Rohre auseinander bauten und schnitten, stellte ich den mitgebrachten kleinen Generator auf, und legte ein Kabel bis in eine der Kammern eines Turms. Mit Hilfe eines alten AEG Bohrhammers, den wir in Maroua gebraucht auf dem Markt erstanden hatten, bohrte ich Löcher in die Trennwände. Dann zeigte ich einem Mitarbeiter die Bedienung des Bohrhammers, und stieg wieder nach unten.

Jacob durchbohrt eine Zwischenwand aus Beton.
Jacob durchbohrt eine Zwischenwand aus Beton.

Unten musste besprochen werden, wie nun die neuen Rohre verlaufen sollten. Wir versuchten, sie möglichst so einzubauen, dass Kinder sie nicht als Klettergerüst missbrauchen konnten.

Sali und Timothée lösen eine alte Rohrverbindung.
Sali und Timothée lösen eine alte Rohrverbindung.

Zwischendurch nahm ich meine Werkzeugkiste, und ging zum Generatorhaus der Station, um nachzusehen, warum der Hatz-Motor nicht starten wollte. Ich fand, dass ein Schlauch undicht war, und das Einspritz-System über diese undichte Stelle Luft zog. Ich hatte zwar keinen passenden Schlauch dabei, ich bekam aber von den Mitarbeitern in Dagai ein Stück Kraftstoffleitung für Motorrad. Statt Schlauchschellen verwendete ich Bindedraht. Damit lief der Motor wieder. [Anm.: Inzwischen habe ich in Douala das richtige Material gekauft, und den Motor dauerhaft repariert.]

Motor mit diversen schwarzen Leitungen.
Kraftstoffleitungen am Generator, inzwischen ordentlich repariert.

Gegen 13 Uhr machten wir eine halbe Stunde Pause. Valentine, Raymonds Frau, hatte Essen vorbereitet.

EIne Reihe von Absperrhähnen, ein Wasserzähler ist bereits montiert
Hier entsteht die neue Wasserverteilung, ein Wasserzähler ist bereits montiert.

Um 16.45 Uhr konnten wir den Generator starten, und damit anfangen, Wasser in die Türme zu pumpen. Zwar hatten wir nicht alles geschafft, was wir uns vorgenommen hatten, doch waren wir immerhin so weit gekommen, dass alle wieder Wasser hatten. Unsere Leitungen waren dicht, und wir packten unser Werkzeug ein. Auch die Leitern banden wir wieder auf das Dach. Wir beeilten uns, denn einerseits wollten wir noch vor der Dunkelheit eine möglichst grosse Strecke schaffen. Andrerseits sah es nach Regen aus, und wir wollten uns nicht von vollen Flussbetten den Weg abschneiden lassen. So verabschiedeten wir uns, und machten uns schleunigst auf den Weg.

Wasser läuft in den Wasserturm.
Wasser läuft in den Wasserturm.

Wir waren schon durch das breiteste Flussbett, den Mayo Louti, hindurch, da fing es tüchtig an zu regnen. Dann kam noch starker Hagel hinzu, es hörte sich an, als ob die Windschutzscheibe jeden Moment in Stücke springen würde. Wir fanden einen geeigneten Baum nicht weit von der Piste, und stellten uns mit dem Auto erst einmal dort unter. Während wir da standen, konnten wir beobachten, wie die Leute aus dem nahen Dorf mit Schüsseln draussen herumliefen und die Hagelkörner einsammelten. Meine Mitarbeiter meinten, dass sie die dann als Eis lutschen würden.

Vegetation am Strassenrand, Regenwolken.
Vegetation am Strassenrand, Regenwolken.

Der Hagel liess nach, aber es regnete immer noch kräftig. Wir verliessen unseren Platz unter dem Baum, und fuhren weiter. Die Scheibenwischer arbeiteten auf schnellster Stufe, gleichzeitig machten wir auf der dem Wind abgewandten Seite die Fenster etwas auf, damit die Scheiben nicht beschlugen.

Wir fuhren so etwa zehn Minuten lang dahin, als wir an den Rand des Regengebiets kamen. Nach kurzer Zeit fuhren wir durch völlig trockenes Gebiet, während es hinter uns noch heftig regnete. Der Wind wirbelte eine Staubwolke auf, der Sand knirschte zwischen den Zähnen. Der dunkle Himmel schuf eine eigenartige Atmosphäre.
Als es dunkel wurde, hatten wir bereits das grösste Stück der Piste hinter uns. Die Dunkelheit bricht schnell herein. Zwischen dem Moment, wo man die Sonnenbrille absetzen kann, und dem Moment, wo man die Scheinwerfer braucht, liegt etwa eine halbe Stunde. Eine Fahrt im Dunkeln ist nicht mit einer Nachtfahrt in Deutschland zu vergleichen. Es gibt keine Leitpfosten und keine reflektierenden weissen Linien auf der Strasse. Dafür gibt es Herden mit dunklen Rindern, welche die Strasse kreuzen. Es gibt Radfahrer ohne irgendwelche Reflektoren oder Lichter. Auf der Piste waren auch noch Erdhaufen aufgeschüttet, als Material, um den Weg zu reparieren. So ein Erdhaufen ist schlecht zu sehen. Bei den Löchern hingegen ist es einfacher: Man muss so lange auf die Bremse treten, bis man den Grund des Loches sieht. Ist das Loch nur flach, sieht man den Grund des Loches recht früh, und kann es auch bei höherem Tempo nehmen. Manche Löcher sind jedoch recht tief, und dann ist Schritttempo angebracht.

Eben noch Regen, und kurz darauf fahren wir wieder durch staubiges Gelände.
Eben noch Regen, und kurz darauf fahren wir wieder durch staubiges Gelände.

Schlussendlich erreichten wir die Teerstrasse, und fuhren vorsichtig und gemütlich nach Maroua zurück. Als wir endlich auf unserem Gelände angekommen waren, räumten wir noch unser Werkzeug auf, und luden die Leitern ab. Es war schon fast halb acht, als wir damit fertig waren. Wir waren müde, aber auch zufrieden, denn der Tag war gut verlaufen.

Ich hätte mir nun eigentlich noch Gedanken über die beiden Gottesdienste am nächsten Vormittag machen müssen. Ich hatte für den ersten Gottesdienst die Predigt übernommen, und für den zweiten die Leitung und die Predigt. Ich zog es vor, für den nächsten Morgen den Wecker zwei Stunden früher zu stellen. So sass ich also am frühen Sonntag Morgen im Büro, schrieb meine Predigt fertig und arbeitete den Ablauf des Gottesdienstes aus. Es hat dann auch alles gut geklappt, wofür ich dankbar war.

Hier drüber ist noch ein Film von der Fahrt, in welchem die Strasse und die Landschaft gezeigt wird, sowie die Ankunft in Dagai.

Martin Pusch

Sparkasse

Wir leben nun schon eine ganze Reihe von Jahren in Maroua. Und fast ebenso lange kümmere ich mich um Verwaltung und Finanzen. Nicht ausschliesslich zwar, aber doch den überwiegenden Teil meiner Zeit. Und trotz der vielen Jahre mache ich immer noch neue Erfahrungen. Von einer dieser Erfahrungen will ich hier berichten.

Einer unserer Geländewagen ist alt geworden. Seit mehr als 25 Jahren wurde er von verschiedenen Personen genutzt. Zwar fuhr er pro Jahr nur etwa 10.000 km, aber diese Kilometer hatten es oft in sich. Schon manchmal habe ich gedacht, man hätte neben dem Kilometerzähler auch noch einen Betriebsstundenzähler einbauen sollen. Denn oft sind wir hier zwar lange unterwegs, schaffen jedoch nur wenige Kilometer.

Nun beschliessen wir, diesen Wagen zu verkaufen. Nicht nur, dass der Wagen alt ist, es wird auch immer schwieriger, dafür noch Ersatzteile zu finden.

Mehrere Leute interessieren sich für das Fahrzeug, bieten aber nur wenig Geld dafür. Dann kommt jemand, der gleich deutlich mehr bietet. Da es sich hierbei auch noch um den Ältesten einer Gemeinde handelt, der das Fahrzeug auch für die Arbeit der Gemeinde mit nutzen will, bekommt er den Zuschlag.

Er muss also das Geld für den Kauf bringen. Er erklärt uns, dass er mit einem anderen Mann zusammen eine Sparkasse habe. Ich frage nach, ob er das Geld auf der Bank habe. Nein, nicht auf der Bank, sondern zuhause.

Am nächsten Tag schicken die beiden Männer jeder einen Sohn, welche uns gemeinsam das Geld bringen. Vielleicht kommen sie zu zweit, weil es einfach sicherer ist. Auf jeden Fall aber kommen sie zu zweit, weil das Gewicht des Geldes so hoch ist. Denn fast der gesamte Betrag besteht aus 500F-Münzen. Zwei von unseren Mitarbeitern sind eine ganze Weile beschäftigt, zusammen mit den beiden jungen Männern das Geld zu sortieren, zu zählen und zu rollen.

Nachdem also das Geld bei uns ist, setze ich einen Kaufvertrag auf, mit dem Titel „Certificat de Vente“. Im Grunde stehen dort die Daten des Verkäufers, des Käufers und des Fahrzeugs untereinander, dazu der Kaufpreis, Ort und Datum, und die beiden Unterschriften.

Als nächsten Schritt muss nun eine Behörde die Echtheit meiner Unterschrift bestätigen. Vor einigen Jahren war ich auf dieser Behörde, und habe meine Unterschrift dreimal in einem dicken Buch hinterlegt. Dieser Eintrag in dem Buch hat eine Nummer. Auf dem Kaufvertrag habe ich die Nummer meiner Unterschrift notiert. Mein Mitarbeiter hat nun den Kaufvertrag dieser Behörde vorgelegt, welche die Echtheit meiner Unterschrift bestätigt hat. Die Gebühren hierzu betragen 1.000 F CFA (etwa 1,50 EUR). Ausserdem behält die Behörde eine Fotokopie des Kaufvertrags, sowie eine Kopie des Fahrzeugscheins.

Das Original des Fahrzeugscheins streiche ich nun mit einem roten Stift durch, und notiere quer über das Papier „vendu“ — verkauft. Der Fahrzeugschein heisst hier „carte grise“, wörtlich also „graue Karte“, und enthält deutlich weniger Angaben als ein Fahrzeugschein in Deutschland.

Der Käufer bekommt von mir das beglaubigte Original des Kaufvertrags, und ich behalte eine Kopie. Ausserdem bekommt er den durchgestrichenen Fahrzeugschein. Natürlich habe ich ihm auch sämtliche Schlüssel des Fahrzeugs gegeben. Er hat einen Fahrer geschickt, welcher das Fahrzeug abgeholt hat.

Der Käufer muss nun mit dem Original des Kaufvertrags zum Finanzamt gehen, und dort fünf Prozent des Kaufpreises als einmalige Steuer zahlen. Die nächste Station ist die Zulassungsstelle. Dort wird der alte Fahrzeugschein eingezogen, und ein neuer Schein ausgestellt. Dieser Vorgang dauert mehrere Tage, und kostet noch einmal Gebühren. Das Fahrzeug bekommt bei dieser Gelegenheit ein neues Kennzeichen zugeteilt. Man muss also noch neue Kennzeichen anfertigen lassen, was mindestens zwei Wochen dauert.

Doch warum hat uns der Käufer den Kaufpreis in Geldmünzen gebracht? Das musste ich doch noch herausfinden.

Zuerst hatte ich es so verstanden, dass er das Geld angespart hatte, also nach und nach zurückgelegt, und dass es sich deshalb um Münzen handelte. Doch bei einem Gespräch machte der Käufer eine Bemerkung, welche mich auf den wahren Grund brachte: Münzen überstehen ein Feuer besser, und werden auch von den Termiten nicht aufgefressen. Vielleicht schützt das hohe Gewicht der Münzen auch besser vor Dieben, das weiss ich nicht. Der Hauptgrund war jedenfalls die Angst, durch ein Feuer das gesamte Geld zu verlieren.

Martin

Fahrt nach Dagai – 30. August 2004

Noch haben die Kinder Schulferien. Wir möchten gerne einen Familienausflug machen. Da kommt ein Notruf aus Dagai.

Leute waten durch den Fluß
Leute waten durch den Fluß

Dagai ist ein ca. 60 km entfernt gelegenes Dorf, in dem früher Missionare der ΕΒΜ gewohnt haben. Heute besteht dort eine große Baptisten­gemeinde, eine Grund­schule der Kirche und eine Poliklinik. Außer­dem engagiert sich dort Todou Raymond in dem landwirt­schaftlichen Projekt Djouwai. Raymond kümmert sich auch um die Instand­haltung des Geländes.

Jetzt ist allerdings der Generator kaputt. Ohne Generator gibt es keinen Strom. Ohne Strom kann man kein Wasser in den Wasser­turm pumpen. Wasser ist aber doch sehr hilfreich. Nicht nur in der medizinischen Arbeit ist es von großem Nutzen. Dort wird der Strom aber außerdem zum Sterilisieren der Instrumente benötigt.

Wir beschließen also, den Familien­ausflug und diese Dienst­fahrt miteinander zu verbinden.

Lotsendienst am Mayo Louti
Lotsendienst am Mayo Louti

Wir erkundigen uns bei Leuten, die aus Dagai stammen, welchen Weg wir nehmen sollten. Vom direkten Weg raten uns alle ab. Denn dieser Weg endet kurz vorm Ziel an einem Fluß. Diesen kann man, wenn er Wasser führt, nicht mit dem Auto durchqueren.

Wir sollen Richtung Hina fahren, dann immer gerade aus, und dann links ab. Der Weg ist angeblich ganz einfach zu finden.

Beruhigend ist, daß Martin den Ort Dagai schon im GPS-Gerät gespeichert hat. Auf die Art haben wir einen Orientierungspunkt, selbst wenn wir diesmal eine uns ungewohnte Strecke fahren.

selten befahrener Weg
selten befahrener Weg

Mit einem ordentlichen Wasservorrat und der Werkzeugkiste machen wir uns auf die Reise.

Nach gut einer Stunde Fahrt kommen wir an den Fluß. An dieser Stelle ist die Durchfahrt betoniert. Wir staunen über die Wassermenge. Ob wir da hindurchfahren können?

Ein junger Mann gibt uns freundlich Auskunft. Er erklärt sich bereit, vor uns herzulaufen. So kann er uns helfen in der Spur zu bleiben. Wir halten die Luft an. Martin fährt mit Bedacht und Umsicht los. Und dann freuen wir uns, als wir wohlbehalten wieder trockenen Boden unter den Rädern haben.

geradeaus oder besser links fahren?
geradeaus oder besser links fahren?

Nachdem wir den Ort Hina durchquert haben, erkundigen wir uns bei einem entgegenkommenden Motorradfahrer nach dem Abzweig nach Dagai. „Dagai? Kein Problem! Fahrt ein Stück weiter, dann kommt eine Kreuzung und dort biegt Ihr links ab.“ Wir danken und fahren weiter über die Piste. Nachdem wir länger keine Kreuzung entdecken können, fragen wir uns schon, ob wir sie vielleicht doch übersehen haben. Da sehen wir einen Radler, der in die gleiche Richtung unterwegs ist, wie wir. „Nur noch einen Kilometer bis zur Kreuzung! Da ist das Gehöft von XY, da geht’s ab!“ Wir fahren einen Kilometer – keine Querstraße. Das GPS-Gerät bestätigt uns inzwischen, daß Dagai schon ziemlich links von uns liegt.

zum Glück ist das Wasser hier nicht tief
zum Glück ist das Wasser hier nicht tief

Ein Stück weiter sehen wir ein paar Leute im Schatten eines Baumes sitzen. Links ist auch ein Gehöft zu sehen.“Ja, da vorne biegt ihr links ab!“ Sie zeigen in die Richtung der Straße, wo das Gehöft endet. Dort geht ein schmaler Trampelpfad zwischen hohen Hirse-Stängeln links ab. DEN meinen sie doch bestimmt nicht. Deswegen lassen wir diesen Weg auch links liegen. Dann sehen wir aber im Rückspiegel, wie die Leute uns eifrig nachwinken. Wir setzen zurück. Tatsächlich, sie raten uns DIESEN Pfad zu nehmen. Nachdem wir abgebogen sind, zeigt auch unser GPS-Gerät an, daß Dagai jetzt vor uns liegt. Das ist doch schon einmal etwas wert. Luftlinie bleiben noch 12 km zurückzulegen. Dafür benötigen wir nochmal ca. eine Stunde!

Valentina
Valentina

Wir sind erleichtert, als wir nach über drei Stunden Fahrt am Ziel sind und uns die Beine vertreten können. Todou Raymond und seine Frau Valentina begrüßen uns herzlich. Sie freuen sich riesig, daß wir als Familie gekommen sind. Sie geben uns Zugang zu einem Haus, wo wir uns etwas ausruhen können. Ich habe Kopfschmerzen, lege mich auf ein Bett und schlafe erst mal eine Stunde. Martin hingegen geht sofort an die Arbeit.

Später mache ich einen Besuch bei Valentina. Sie bereitet für uns ein Mittagessen zu. Ihre Kinder machen mit uns einen Rundgang auf dem Gelände. Die zwei Mädchen und der Sohn haben übrigens bedeutungsvolle Namen:

Raymond und Valentina mit ihren Kindern (am Motorrad ein Besucher)
Raymond und Valentina mit ihren Kindern (am Motorrad ein Besucher)

1. Anni Maingeti Alliance: Sieh her! – Geschenk – Bund. Damit drücken die Eltern ihr Staunen über das Geschenk aus, das Gott ihnen in ihrem Ehebund gegeben hat.

2. Abapou Singram Prudence: Wo ist sie so schnell hergekommen? – lachen – Klugheit. Diesmal haben die Eltern gestaunt, daß sie wieder ein Baby erwartet haben. Die Frau hatte nach der letzten Geburt noch nicht wieder ihre Periode gehabt. Darüber werden bestimmt viele Leute lachen! – Also wünscht man sich Klugheit

3. Brazza Afnatang Phinée: Der hat Rippen / Kraft – er wird alle übertreffen – und Phinée entspricht Phineas aus der Bibel

Timon im Fahrtwind
Timon im Fahrtwind

Wir gucken uns die Schule an, grüßen den Pastor, besuchen die Lehrer-Familien und dann lädt Valentina uns zum Essen ein. Sie hat lecker gekocht. Um uns eine Freude zu machen, hat sie Nudeln zubereitet. Die Männer sind inzwischen mit ihrer Arbeit fertig. Das Ersatzteil, welches Martin auf Verdacht aus Maroua mitgenommen hatte, war das Richtige. Der Fehler ist behoben. Alle sind erleichtert.

Wir genießen das leckere Essen und unterhalten uns gut.

Es geht auf 15.00 Uhr zu. Da wir wieder mit 3 Stunden Fahrzeit rechnen müssen, sollten wir uns zügig auf den Heimweg machen. Also heißt es Abschiednehmen. Raymond schenkt uns noch Perlhuhn-Eier.

Das Wasser ist gefallen.
Das Wasser ist gefallen.

Die Rückfahrt kommt uns einfacher vor. Timon freut sich über den Fahrtwind.

Bei der Flußdurchfahrt brauchen wir diesmal keinen Führer. Wir können sogar die Begrenzungssteine rechts und links der Betonfläche erkennen.

Gegen 17.30 Uhr befinden wir uns schon auf der Asphaltstraße. Bei Mokong sehen wir zwei unserer Kolleginnen am Straßenrand beim Abendspaziergang. Wir halten kurz an und grüßen einander. Ich bin froh, eben ein paar Schritte gehen zu können, da ich mich sehr schlecht fühle.

Dieser Wagen bringt Feuerholz nach Maroua.
Dieser Wagen bringt Feuerholz nach Maroua.

Als wir weiterfahren möchten, streikt der Anlasser. Die Kinder steigen aus und schieben mit Hilfe der Kolleginnen den Landcruiser an.

In der Abenddämmerung erreichen wir Maroua.

Wir sind Gott dankbar, daß wir vor Einbruch der Dunkelheit wieder wohlbehalten zuhause sind.

Ich muß erst mal spucken und lege mich dann schnell schlafen.

Ich staune, wie Martin, der ja noch die ganze Zeit gefahren ist und in Dagai gearbeitet hat, durchgehalten hat.

Christel Pusch
Video: Timon und die Rinderherde [4,9 MB]